Bist Du schüchtern, introvertiert, beides oder nichts davon (und warum das wichtig ist)?

Dieser Artikel ist im englischen Original auf Susan Cains Seite „The Power of Introverts“ (www.thepowerofintroverts.com) erschienen. Die folgende Übersetzung ist von mir.

Bill Gates ist zurückhaltend und ein Bücherwurm aber er lässt sich von der Meinung anderer Menschen nicht verunsichern: Er ist introvertiert aber nicht schüchtern.

Barbra Streisand ist sehr kontaktfreudig und einnehmend, aber sie leidet unter schrecklichem Lampenfieber: Sie ist extrovertiert und schüchtern.

Schüchtern und introvertiert sind nicht das gleiche. Ist jemand schüchtern, hat er Angst davor, von anderen negativ beurteilt zu werden. Ist jemand introvertiert bevorzugt er eine ruhige Umgebung mit möglichst geringer Stimulation. Manche Psychologen stellen diese beiden Tendenzen auf einer horizontalen und einer vertikalen Achse dar, mit dem Spektrum introvertiert-extrovertiert auf der horizontalen und dem Spektrum unsicher-sicher auf der vertikalen Achse. Mit diesem Modell erhalten wir vier Quadranten, die für vier Persönlichkeitstypen stehen: sicher-extrovertiert, unsicher-extrovertiert, sicher-introvertiert und unsicher-introvertiert.

Interessant ist, dass diese Art die menschliche Natur zu betrachten bis in das alte Griechenland zurück reicht.Die Ärzte Hippocrates und Galen behaupteten nämlich, dass unsere „Temperamente“ und damit unser Schicksal eine Funktion der Körperflüssigkeiten waren. Sie glaubten, zu viel Blut macht die Menschen sanguinisch (sicher-extrovertiert), gelbe Gallenflüssigkeit macht sie cholerisch (unsicher- bzw. impulsiv-extrovertiert), Schleim macht sie phlegmatisch (sicher-introvertiert) und schwarze Gallenflüssigkeit macht sie melancholisch (unsicher-introvertiert).

Aber wenn Schüchternheit und Introvertiertheit zwei unterschiedliche Dinge sind, warum werden sie dann so oft gleichgesetzt?

Zum größten Teil liegt das daran, dass es in unserer Gesellschaft ein gemeinsames Vorurteil gegen diese beiden Charakterzüge gibt und sie in der Regel miteinander in Verbindung gebracht werden. Der innere Zustand eines schüchternen Extrovertierten, der in einem Business-Meeting sitzt, wird sich stark von dem eines sicheren Introvertierten unterscheiden. Die schüchterne Person hat einfach Angst davor, zu sprechen, während die introvertierte Person einfach überstimuliert ist. Nach Außen haben aber beide Typen die gleiche Wirkung – und keiner von beiden Typen ist wirklich willkommen und akzeptiert. Untersuchungen zeigen, dass wir Menschen, die schnell und oft Sprechen für kompetenter, einnehmender und intelligenter halten, als solche, die sich eher Zeit lassen.
Abgesehen von Galen haben in der gesamten Geschichte Dichter und Philosophen wie John Milton oder Arhur Schopenhauer Schüchternheit mit Introvertiertheit in Verbindung gebracht. Der Anthropologe C.A. Valentine schrieb:

Die westliche Kultur hat eine traditionelle Sicht auf die individuelle Varianz, die alt, weit verbreitet und hartnäckig zu sein scheint. In ihrer populären Form ist dies die Vorstellung von einem Mann der Tat, dem pragmatischen  Realisten oder einer kontaktfreudigen Person im Gegensatz zum Denker, Träumer, Idealisten oder schüchternen Person. Die am weitesten verbreiteten Attribute, die mit dieser Tradition verbunden sind, ist die Zuordnung zu den Typen introvertiert und extrovertiert.

Hatten diese Gelehrten allesamt unrecht? Nein! Psychologen haben herausgefunden, dass Schüchternheit und Introvertiertheit sich durchaus überschneiden (dass also introvertierte Menschen schüchtern sein können und umgekehrt). Es ist aber nicht klar, wie weit diese Überlagerung reicht. Es gibt mehrere Gründe für diese Überlappung. Zum einen werden manchen Menschen mit einem „hoch-reaktiven“ Temperament geboren, dass sie für Schüchternheit und Introvertiertheit prädisponiert. Ebenso kann eine schüchterne Person mit der Zeit introvertiert werden; sie empfindet soziale Interaktion als schmerzhaft und ist deshalb dazu motiviert, sich den angenehmen Seiten der Einsamkeit und von Umgebungen mit minimaler sozialer Interaktion zuzuwenden. Und eine introvertierte Person kann schüchtern werden, wenn sie ständig gezeigt bekommt, dass etwas mit ihr nicht stimmt.

Aber Schüchternheit und Introvertiertheit überlappen sich nicht vollständig und nicht einmal überwiegend. Vor kurzem habe ich (also Susan Cain; Anm.d. Übersetzers) in der New York Times einen Artikel veröffentlicht, der den Wert dieser beiden Charakterzüge darstellt (der Artikel ist leider nicht mehr auffindbar; Anm.d. Übersetzers). Und es scheint, dass die Leserschaft bereit für diese Nachricht war. Er wurde schnell zum Artikel mit den meisten Reaktionen und ich erhielt tausende Dankschreiben.
In einigen Reaktionen wurde jedoch kritisiert, dass ich Introvertiertheit mit Schüchternheit verschmolzen hätte. Dabei handelte es sich jedoch um ein Missverständnis. Aber obwohl ich in dem Artikel einen Unterschied zwischen den beiden Charakterzüge mache, bin ich mich vielleicht doch zu schnell anderen Punkten zugewandt. Ich tat dies, aus Platzgründen. Hätte ich versucht, all das zu beschreiben, was ich oben dargestellt habe (und selbst das krazt nur an der Oberfläche dieses hoch-komplexen Themas) wäre ich niemals zu meine eigentlichen Aussage gekommen: Die Bedeutung von Schüchternheit und Introvertiertheit in einer Gesellschaft, die diese ablehnt.
Ich verstehe, warum sich nicht-ängstliche Introvertierte so frustriert fühlen, wenn andere Menschen sie behandeln,als seien sie schüchtern. Es ist grundsätzlich ärgerlich mißverstanden zu werden. Jeder, der tief in Gedanken eine Straße entlang gegangen ist und von einem Fremden aufgefordert wurde, zu lächeln – als sei man depressiv anstatt geistig beschäftigt – weiß, wie ärgerlich das ist.
Zusätzlich deutet Schüchternheit auch immer auf Unterwürfigkeit hin. Und das ist in einer Gesellschaft, die Alpha-Tiere bewundert, vielleicht der Charakterzug der am meisten abgelehnt wird.
Und hier haben die Schüchternen und die Introvertierten bei allen Unterschieden etwas wichtiges gemeinsam. keiner von beiden wird von der Gesellschaft als „Alpha“ wahrgenommen. Und hier kann man sehen, warum der „Alpha-Status“ überbewertet wird, und wie unsere Bewunderung für ihn uns blind für Dinge macht, die gut, clever und weise sind. Schüchterne und introvertierte Menschen werden sich aus den unterschiedlichsten Gründen dafür entscheiden, ihre Tage mit „passiven“ Aktivitäten abseits des Scheinwerferlichts zu widmen – mit dem Erfinden, dem Studium oder der Betreuung von Kranken und Sterbenden. Dies sind keine Aufgaben, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Aber die Menschen, die diese Aufgaben übernehmen, sind Vorbilder.

Liebe Leser, trotz intensiver Recherche konnte ich den oben erwähten Artikel aus der New York Times im Netz nicht finden. Vielleicht kann einer von Euch mir hier weiterhelfen. Schon jetzt vielen Dank dafür!